Armadillo Roadkill
Die Strassen des ländlichen Amerika sind übersäht mit Tierkadavern. Neben Hunden und Katzen identifiziert das geschulte Auge auch exotischere Vertreter wie Stachelschweine oder Klapperschlangen. Hat man einige hundert Meilen in Missouri, Oklahoma oder Texas zurückgelegt, gewöhnt man sich allmählich an den Anblick überrollter Gürteltiere. Kein Wissenschaftler hat sich wohl je die Mühe gemacht, den verkehrsinfrastrukturellen Massenmord statistisch zu erfassen. Armadillos sind in jedem Fall das amerikanische Verkehrsopfer Nummer Eins.
Die urzeitlich anmutenden Geschöpfe bevölkern den Kontinent von Argentinien bis in die USA. Angesichts der Opferzahlen auf amerikanischen Landstrassen mag man spontan ihre Ausrottung befürchten, doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Das Neunbinden-Gürteltier ist erst im späten 19. Jahrhundert von Mexiko eingewandert und breitet sich weiter aus. Es bevölkert inzwischen den gesamten Südosten und wurde bis hoch nach New Jersey vor den Toren New Yorks gesichtet.
Nur wenige natürliche Feinde sind in der Lage, den Knochenpanzer zu knacken und auf dem nordamerikanischen Speiseplan findet es sich nur in Ausnahmefällen. So etwa während der grossen Depression, als ländliche Bewohner gelegentlich auf das „Panzerschwein” zurückgreifen mussten und ihm in Anspielung auf den Präsidenten den Spitznamen „hoover hog” verpassten. Ganz anders in Lateinamerika: Dort wird das Gürteltier gejagt und gern zu sonntäglichen Familienzusammenkünften aufgetischt.
Lebendig bekommt Armadillos allerdings nur selten zu Gesicht. Tagsüber verstecken sie sich in ihren unterirdischen Bauten. Nur nachts torkeln sie schnüffelnd durch die Gegend, um per Geruchssinn Insekten und Mäuse aufzutreiben, die sie mit ihren langen Krallen blitzschnell ausgraben.
Und hier findet sich auch der Grund für ihre extreme Verletzlichkeit: Während andere Vierbeiner mögliche Gefahren mit Auge und Ohr erfassen, verlässt sich das Gürteltier auf seine Nase. Und einen mit 60 Meilen pro Stunde anbrausenden LKW riecht man meist zu spät. Obendrein begehen die etwa einen halben Meter messenden Monster einen ganz entscheidenden Fehler: In Momenten akuter Bedrohung springen sie erstaunlich hoch in die Luft. Genau auf die Höhe eines Kühlergrills …
